KI im Tourismus: «KI ersetzt nicht das Erlebnis, sondern den Weg dorthin»
Wie verändert KI den Tourismus und welche Chancen oder Risiken bergen diese Veränderungen? Und: Wie wichtig ist ständiges Lernen im KI-Kontext? Marcel Meyer ist Geschäftsführer von GRdigital, im Nebenamt als Dozent an der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz tätig und wurde 2026 als «Digital Shaper» geehrt.
Du möchtest das Interview lieber sehen statt lesen? Dann spring direkt zum Q&AI-Video.
Wie verändert KI den Tourismus?
KI verändert den Tourismus auf unterschiedlichen Ebenen:
- Aufseiten der Gäste: Die Gäste fragen neu die KI nach einer Antwort und browsen nicht mehr durch die Links auf Google.
- Aufseiten der Buchung: Buchungen werden direkt in LLMs wie ChatGPT integriert. Das sorgt dafür, dass nicht mehr auf Webseiten geklickt werden muss.
- Aufseiten der Organisation: Hier steht die Kapazität im Zentrum, denn durch KI lassen sich Engpässe abdecken.
- Aufseiten der Webseite: Webseiten braucht es nach wie vor noch. Sie fungieren aber stärker als Datenhub und weniger als «Hochglanzbroschüren» wie bisher.
«KI ersetzt aber nicht das Erlebnis, sie ersetzt den Weg dorthin.»
Denn der Tourismus lebt trotz KI nach wie vor von den Bergen, dem Schnee oder dem gemeinsamen Abendessen.
Immer mehr Reisen werden mit KI geplant – ist das eine Chance oder ein Risiko für die Reisebranche?
Aus meiner Sicht gilt beides, und zwar für dieselben Betriebe. KI trifft eine Vorauswahl der gezeigten Ergebnisse innerhalb ihrer Antwort. Diese Vorauswahl geschieht, bevor ein Gast eine Webseite überhaupt gesehen hat. Dadurch erfolgt eine Vorsortierung, die zum Risiko wird, wenn ein Betrieb darin nicht vorkommt.
Als Chance sehe ich es hingegen, dass die KI diese Vorauswahl aufgrund eines klaren Themas und sauberen Daten trifft. Dadurch entscheidet nicht mehr die Höhe eines Marketingbudgets, sondern die Auffindbarkeit eines Betriebs über dessen Präsenz. Eine weitere Chance sehe ich in der Gamification. Durch diese können sich Unternehmen von Wettbewerbern differenzieren. Auch bei Gamification bleibt die Planung standardisiert – das Erlebnis vor Ort unterscheidet sich aber und lässt sich mit KI individuell und günstig gestalten.
Was ist Gamification?Unter Gamification (deutsch: «Spielifizierung») versteht man die Anwendung typischer Elemente und Vorgänge eines Games in einem spielfremden Umfeld. Ziel dabei sind Motivationssteigerung und Verhaltensänderung beim User / bei der Userin. Ein Gamification-Beispiel aus dem Tourismus ist eine Wander-App, in der man für das Erreichen bestimmter Meilensteine mit virtuellen Punkten belohnt wird. |
Unter Gamification (deutsch: «Spielifizierung») versteht man die Anwendung typischer Elemente und Vorgänge eines Games in einem spielfremden Umfeld. Ziel dabei sind Motivationssteigerung und Verhaltensänderung beim User / bei der Userin. Ein Gamification-Beispiel aus dem Tourismus ist eine Wander-App, in der man für das Erreichen bestimmter Meilensteine mit virtuellen Punkten belohnt wird.
Der Tourismus lebt von persönlichen Erlebnissen. Wie wichtig bleibt der Mensch trotz KI?
Der Mensch ist für mich wichtiger denn je, einfach an einer anderen Stelle. Nehmen wir eine Bergtour als Beispiel: KI ist wie eine Karte mit Routen, Höhenmetern und dem Wetter. Trotzdem bucht man den Bergführer, weil dieser weiss, wo die Karte (oder die KI) vielleicht auch falsch liegt.
«Niemand bucht eine Karte. Man bucht den Bergführer, weil dieser weiss, wo die Karte vielleicht auch lügt».
Die Planung geschieht also digital, das Erlebnis bleibt analog und profitiert weiterhin von der persönlichen Interaktion.
Gleichzeitig sind Gäste durch die Hilfe von LLMs besser vorbereitet, wenn sie eine Reise antreten. Dadurch erwarten sie mehr vom Erlebnis vor Ort. Aus meiner Sicht sollte Künstliche Intelligenz die Administration fressen, nicht aber den Gästekontakt.
Wie wichtig ist ständiges Lernen im KI-Kontext?
Lernen ist die einzige Fähigkeit, die nie veraltet. Prompting-Wissen von vor einem Jahr ist heute zur Hälfte überholt. Das ist kein Problem, solange man sich dessen bewusst ist. Im Tourismus sehe ich die grösste Hürde im Umgang mit Künstlicher Intelligenz nicht bei der Technik, sondern beim fehlenden Wissen über Lösungen, bei der Datenqualität oder bei der Integration in Abläufe. Deshalb ist es ein zentraler Punkt, die Menschen zu befähigen, mit KI umzugehen. Dadurch bleibt das Wissen regional verankert, auch wenn sich ein Tool ändert.
Wie gelingt KI-Weiterbildung neben dem Daily-Business?
Indem diese nicht neben dem Daily Business, sondern im Daily Business geschieht. Ein Fehler, den ich immer wieder sehe: Man besucht einen dreitägigen Kurs, geht dann zurück ins Büro und merkt, dass sich nach vier Wochen nichts verändert hat. Ich schlage vor, Künstliche Intelligenz jeden Tag zu nutzen, beispielsweise 20 Minuten lang. Parallel würde ich die KI-Nutzung im Team besprechen.
«Lernen ist Teamsport. Lernt von den Erfahrungen anderer, so kommt ihr gemeinsam weiter.»
Trotzdem bin ich überzeugt, dass ein Kurs das Fundament bildet, das uns mit KI auf den richtigen Weg bringt. Die Kompetenz entsteht dann durch die Anwendung des Gelernten im Alltag.