Open Source im Fokus: «Das Fundament in modernen Softwares»
Linux, Firefox oder LibreOffice verbinden eine grundlegende Eigenschaft: Alle drei sind Open-Source-Programme. Doch was ist Open Source überhaupt, welche Vor- und Nachteile birgt es und ist Open-Source-Software immer kostenlos? Wie verändern zudem neue Entwicklungen wie die Einführung des EMBAG-Gesetzes oder Open-Source-AI den Markt? Matthias Stürmer, Präsident des Open-Source-Vereins CH-Open, beantwortet im Interview die wichtigsten Fragen.
Inhaltsverzeichnis
- Definition Open Source
- Ist Open Source immer kostenlos?
- Open-Source-Anwendungen und -Komponenten
- Vor- und Nachteile
- Geistiges Eigentum
- Wer entwickelt Open Source?
- Anreize der Communities
- Grösse Open-Source-Community
- Engagement von CH Open
- Trend hin zu Open Source
- EMBAG-Gesetz
- Chancen und Herausforderungen von Open-Source-AI
Was heisst Open Source?
Matthias Stürmer: Open Source bedeutet auf Deutsch «offene Quelle». Wir unterscheiden zwischen vier verschiedenen Bereichen:
- Open Source als Prinzip bezieht sich auf Transparenz und das gemeinsame Gestalten.
- Bei Open Source als Software geht es um den Quellcode. Dieser ist öffentlich einsehbar, du kannst ihn weiterentwickeln und abändern. Open-Source-Software wird durch Lizenzen urheberrechtlich geschützt. Das Gegenteil ist proprietäre Software: Sie gehört einem Unternehmen oder einer Person und darf weder verändert noch geteilt werden.
- Open Source als Hardware meint physische Komponenten eines elektronischen Gerätes wie beispielsweise ein Chip, dessen Baupläne frei zugänglich sind.
- Open-Source-AI bezieht sich auf offene KI-Modelle. Hier sind sowohl Quellcode als auch Trainingsdaten öffentlich.
Eine einfache Analogie mit einem Backrezept verdeutlicht das Prinzip: Die Zutaten, die Mengenangaben als auch die jeweiligen Schritte für einen Kuchen sind einsehbar und nachvollziehbar. Kaufst du den Kuchen hingegen beim Bäcker, mag dieser genauso gut sein, die exakten Zutaten und Mengenangaben bleiben aber das Geheimnis des Betriebs.
Ist Open Source immer kostenlos?
Der Download einer Open-Source-Software wie LibreOffice oder GIMP ist immer kostenlos. Es entstehen aber Kosten, sobald du die Software in einem professionellen Kontext nutzen möchtest. Auch hier hilft die Analogie mit dem Backrezept: Das Rezept rufst du gratis im Internet auf. Möchtest du deinen Kuchen aber in einem Restaurant verkaufen, musst du dessen Qualität garantieren. Das ist aufwendig und kostet Geld, weil du die Fähigkeiten zur Qualitätssicherung benötigst. Genauso verhält es sich mit der Software: Der Download von Open-Source-Software ist gratis. Möchtest du die Software professionell nutzen, fallen Kosten an, denn du musst die Qualität sichern. Um das zu erreichen, kannst du dir die Fähigkeiten selbst aneignen – und Zeit ist bekanntlich Geld – oder du kaufst das nötige Wissen extern ein.
Was sind Beispiele für Open-Source-Programme und wie kommen sie in Unternehmen zum Einsatz?
Wir unterscheiden zwischen Open-Source-Anwendungen für Endnutzer wie Firefox, LibreOffice, GIMP, Moodle oder BigBlueButton sowie Open-Source-Komponenten. Die Open-Source-Komponenten sind im Unterschied zu den Anwendungen für Endnutzende nicht sichtbar. Sie arbeiten quasi «hinter den Kulissen». Dazu zählen beispielsweise Sicherheits- und Bildbearbeitungskomponenten oder Kommunikationsbibliotheken. Das Open-Source-Universum zählt rund eine Million produktiv entwickelter Open-Source-Anwendungen und -Komponenten. Diese werden in der Wirtschaft, in Banken, in Versicherungen, aber auch im militärischen Umfeld eingesetzt.
📌«Open Source ist die technologische Grundlage von allen modernen Software-Produkten.»
Sogar proprietäre Software von Anbietern wie SAP, Adobe oder Microsoft 365 nutzt unter der sichtbaren Oberfläche viel Open Source. Dies lässt sich damit erklären, dass Open Source die moderne Art der Softwareentwicklung ist. Niemand fängt mehr auf der grünen Wiese an. Entwicklerinnen und Entwickler bauen stattdessen auf bereits vorhandenen Komponenten auf. Um bei unserem Backbeispiel zu bleiben: Das Getreide für das Mehl für deinen Kuchen pflanzt du ja schliesslich auch nicht selbst an.
Welche Vor- und Nachteile birgt Open Source?
Seit 2012 misst die Open Source Studie Schweiz alle drei Jahre das Nutzungsverhalten und die Freigabe von Open-Source-Software. In der neusten Ausgabe aus dem Jahr 2024 wurden auch die Vor- und Nachteile erhoben (Top 10, nach absteigender Relevanz sortiert):
Vorteile von Open Source
- Unterstützung von offenen Standards (Interoperabilität)
- Grosse Auswahl an Open-Source-Komponenten und Tools, hohe Verbreitung
- Breite Community für Wissensaustausch
- Kosteneinsparungen, keine Lizenzpreise
- Erhöhte Sicherheit (rasche Updates)
- Digitale Souveränität, weniger Abhängigkeit, bessere Verhandlungsmöglichkeiten (Reduktion Vendor Lock-In)
- Erhöhte Stabilität (weniger Fehler)
- Transparenz und Vertrauen durch Zugriff auf Source Code (Auditierbarkeit)
- Business-Innovationen schneller umsetzbar, unkomplizierter Einsatz, kein Beschaffungsprozess
- Vielzahl an Open-Source-Anbietern, die professionellen Support anbieten
Nachteile von Open Source
- Unsichere Zukunft von Open-Source-Projekten, unklares Geschäftsmodell
- Technologische Abhängigkeiten von bestehenden proprietären Systemen
- Fehlende Features oder keine passende Open-Source-Lösung vorhanden
- Keine oder unklare Lieferantenhaftung, keine Garantie
- Mangelnder kommerzieller Support, keine Enterprise Version
- Mangelnde Akzeptanz von Benutzern, nicht benutzerfreundlich
- Fehlende Schulungsangebote, zu wenig Dokumentation
- Unsicherheiten bezüglich Open-Source-Lizenzen (rechtliche Risiken)
- Nicht stabil, viele Fehler und Sicherheitslücken
- Fehlende Schnittstellen zu anderen Systemen, Integrationsschwierigkeiten
Wie ist Open Source rechtlich geregelt, wem gehören die Ergebnisse aus den Communities?
Die Frage nach dem geistigen Eigentum von Open Source lässt sich nicht kurz und knapp erklären. In diesem Bereich gibt es noch heute Gerichtsprozesse.
Das klassische Modell kennen wir alle: Ein Unternehmen gibt eine Softwareentwicklung in Auftrag und erhält gegen Bezahlung das Urheberrecht am Quellcode. Das Unternehmen kann diese Software nun weiterverwenden und Lizenzen an Kundinnen und Kunden verkaufen. Häufig sind solche Weiterverkäufe zeitlich begrenzt und du musst als Kunde stets die neuste Version erwerben.
Es gibt aber auch erfolgreiche Geschäftsmodelle mit Open Source. Das ist der Fall, wenn das Unternehmen die neu programmierte Software anderen gratis zur Verfügung stellt. Der Hintergedanke dabei ist, dass andere Firmen an der Software weiterarbeiten und dem Unternehmen im Gegenzug ihre Weiterentwicklungen wieder überlassen. Die Open-Source-Community optimiert die Software so Schritt für Schritt gemeinsam.
📌«Der Gedanke hinter Open-Source-Modellen mag idealistisch klingen. In der Praxis stellen Unternehmen ihre Software aber häufig gratis zur Verfügung. Sie tun dies immer mit dem Hintergedanken, von der Weiterentwicklung selbst zu profitieren.»
Insbesondere der öffentliche Sektor treibt Open Source voran. Nehmen wir ein kantonales Beispiel: Zwischen Kantonen herrscht keine Konkurrenz. Es ist also sinnvoll, die Kosten für eine Softwareentwicklung zu teilen. So entstand die Open-Source-Software inosca, die das Verfahren von Baugesuchen digitalisiert.
Hinter Open-Source-Entwicklungen stehen also insbesondere Unternehmen und keine Einzelpersonen?
Open Source kam in den 1980er-, 1990er- Jahren auf. Damals beteiligten sich insbesondere Einzelpersonen in den Communities und programmierten aus reiner Leidenschaft. Ein bekanntes Beispiel ist das Betriebssystem Linux: Dessen Erfinder Linus Torvalds programmierte 1991 in Finnland einige tausend Zeilen Code und stellte diesen in einer Mailingliste anderen zur Verfügung.
Heutzutage sind es aber insbesondere Unternehmen, die sich in den Open-Source-Communities einbringen. Unternehmen wie beispielsweise Red Hat erkannten, dass sich mit Open Source auch Geld verdienen lässt.
«Open Source wurde in den letzten Jahren in der Schweiz aber auch international zu einem grossen Geschäftszweig.»
Im Open-Source-Verzeichnis «Open Source Directory» lassen sich bereits über 200 Unternehmen finden, die Dienstleistungen für bestimmte Open-Source-Produkte anbieten.
Welcher Anreiz verbirgt sich hinter dem freiwilligen Programmieren innerhalb der Communities?
Die Forschung unterscheidet hier zwischen der Mikro- und Makroperspektive. Die Mikroperspektive bezieht sich auf ein Individuum, die Makroperspektive auf ein Unternehmen.
Wenn wir uns die Motive einer einzelnen Person anschauen, unterscheiden wir zwischen intrinsischen und extrinsischen Faktoren:
- Intrinsisch: Du beteiligst dich aus reiner Freude an einer Programmierung oder weil du jemandem weiterhelfen möchtest.
- Extrinsisch: Du beteiligst dich an einer Programmierung, um deine Karriere voranzutreiben. Durch deinen Beitrag baust du dir in der Branche eine hervorragende Reputation auf – denn es erfordert viel Fachwissen, überhaupt am Linux-Kernel mitzuarbeiten. Durch dein Engagement können grosse Unternehmen auf dich aufmerksam werden und dir unter Umständen direkt eine Stelle anbieten.
Bei der Makroperspektive geht es um die Frage, wie die Weiterentwicklung einer Open-Source-Software langfristig gewährleistet werden kann. Und darum, wie Unternehmen ein dauerhaftes Geschäftsmodell mit gratis verfügbarer Software aufbauen. Dabei spielt die Finanzierung durch Firmen und Behörden die entscheidende Rolle. In diesem Zusammenhang stossen wir oft auf die Problematik des Trittbrettverhaltens, das auch als «Freeriding» bezeichnet wird. Freeriding ist eine spannende Herausforderung, die noch viele offene Fragen birgt.
Wie gross ist die Open-Source-Community?
Das hängt ganz davon ab, wer alles zur Open-Source-Community gezählt wird. Für mich umfasst sie nicht nur Personen, die aktiv programmieren. Es gehören genauso jene dazu, die Dokumentationen schreiben, Fehler melden oder Webseiten aktualisieren. GitHub ist die grösste Entwicklungsplattform für Open Source und zählt über 100 Millionen Personen, die regelmässig Beiträge leisten.
CH Open setzt sich seit 1982 für Open-Source-Software und Open-Standards ein. Wie unterstützt der Verein die Open-Source-Communities konkret?
Wir bieten eine ganze Palette an Services an: Wir veranstalten Events, Workshops und Konferenzen. Wir betreiben aber auch politisches Lobbying oder betreiben einfache Tools wie die Open-Source-Videokonferenzplattform BigBlueButton. Auch entwickeln wir seit vielen Jahren das oben erwähnte Open-Source-Verzeichnis «Open Source Directory». Generell ist es unser Ziel als CH Open, Wissen zu vermitteln, Personen zu vernetzen und teils selbst eigene Plattformen aufzubauen.
Nicht im Rahmen von CH Open, aber seitens meines Instituts Public Sector Transformation engagiere ich mich zudem im Themenbereich «Digitale Souveränität». Wir haben gemerkt, dass es hier in der Schweiz grossen Nachholbedarf gibt. Deshalb haben wir das Netzwerk für eine souveräne digitale Schweiz gegründet, welches bereits grossen Zuspruch erhält.
Lange Zeit waren Unternehmen gegenüber Open-Source-Software negativ eingestellt. Was hat sich geändert und weshalb setzen immer mehr Unternehmen auf Open Source?
Ich sehe hier drei Trends, die zu diesem Wechsel geführt haben:
- Bessere Qualität der Open-Source-Produkte
In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich die Qualität der Open-Source-Produkte enorm verbessert. Die Anwendungen wurden benutzerfreundlicher und erhielten mehr Funktionen. Zudem gibt es heute generell eine viel grössere Auswahl an Produkten auf dem Markt - Wirtschaftliche Gründe
Sowohl Firmen als auch Privatpersonen haben das wirtschaftliche Potenzial von Open Source erkannt. Dies zeigt sich beispielsweise bei Kosteneinsparungen, durch neue Geschäftsmodelle oder damit, dass du als Unternehmen mit Open Source schneller und innovativer agieren kannst. - Geopolitische Gründe
Die zunehmende Abhängigkeit von grossen amerikanischen Tech-Konzernen wird, insbesondere seit der Trump-Regierung, immer deutlicher. Diese Abhängigkeit wird teilweise auch genutzt, um politische Interessen durchzusetzen. Von diesem Einfluss möchten sich viele Unternehmen befreien.
Die Schweizer Bundesverwaltung treibt Open Source aktiv voran. Dies lässt sich auch mit einer gesetzlichen Änderung in Verbindung bringen: Im März 2023 trat das EMBAG-Gesetz in Kraft, laut dem Behörden Software, die sie selbst entwickeln oder in Auftrag geben, als Open Source veröffentlichen müssen. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?
Die Einführung des EMBAG-Gesetzes war ein grosser Schritt für Open Source. Jegliche Software, die der Bund entwickelt oder entwickeln lässt, muss neu Open Source sein. Dadurch mussten sich Entwicklerinnen und Entwickler, die für den Bund arbeiten, intensiv mit Open Source auseinandersetzen. Um die Umsetzung des Gesetzes zu unterstützen, hat der Bund eine Dokumentation rund um Open Source veröffentlicht. Das verhalf Open Source zusätzlich zu mehr Sichtbarkeit, aber auch zu mehr Relevanz.
Ein weiterer positiver Effekt des Gesetzes betrifft die Qualität der Entwicklungen. Wenn eine IT-Firma für den Bund entwickelt, sprechen wir von Millionenaufträgen. Bei einer öffentlichen Ausschreibung muss diese Firma heute die Kompetenz garantieren, die Software unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen. Bis anhin konnten die Unternehmen ihr «Software-Rezept» geheim halten. Durch die Offenlegung kam zum Vorschein, dass nicht jeder Quellcode wirklich gut war. Es wurde schlicht nicht genau hingesehen. Neu fliesst viel Zeit in die Qualitätsverbesserung. Das führt genau zu dem Effekt, den ich vorhin erwähnt habe: Open Source sorgt für qualitativ hochwertigere Software.
Bei Open-Source-AI ist der gesamte Bauplan eines KI-Modells öffentlich zugänglich, inklusive des Quellcodes und der Trainingsdaten. Dies steht im Gegensatz zu geschlossenen KI-Modellen wie ChatGPT von OpenAI, Gemini von Google oder Claude von Anthropic. Welche Chancen und Herausforderungen birgt Open-Source-AI?
Die Schweiz ist eine kleine Nation ohne gigantische Rechenzentren. Wir haben im Tessin aber das Schweizerische Supercomputing Zentrum CSCS. Dieses hat vor zwei Jahren den Alps-Supercomputer in Betrieb genommen und vor einem halben Jahr das KI-Modell Apertus veröffentlicht. Apertus ist weltweit führend, was Open-Source-KI betrifft.
Ich sehe es als Chance, wenn die Schweiz die Transparenz, die Nachvollziehbarkeit und die Mitgestaltung der digitalen Infrastruktur fördern kann. Denn das benötigte Know-how, um ein KI-Modell wie Apertus zu erstellen, ist nur in wenigen Firmen der Welt vorhanden. Es ist also einzigartig, dass es die Schweiz geschafft hat, dieses Fachwissen aufzubauen.
Die Herausforderung ergibt sich direkt aus den Grundzügen von Open Source: Open Source bietet dir zunächst keinen Wettbewerbsvorteil. Andere Personen können sich den Quellcode frei anschauen, ihn verbessern und kopieren. So können auch Trittbrettfahrende vom Code profitieren. Nutze Open Source deshalb clever, baue deine eigenen Verbesserungen ein und generiere dadurch gesellschaftlichen und unternehmerischen Mehrwert.
📌«Wer auf der Klaviatur der Open-Source-Tools und -Technologien spielen kann, ist als Person, Firma oder Behörde für die Zukunft gut aufgestellt.»
Lernen mit Open SourceWusstest du, dass unser langjähriger Kursleiter Marcel Bernet und ehemaliger CH-Open Präsident fast 100% Open Source in seinen Kursen einsetzt? So kannst du das Gelernte ohne Kostenfolge in deinem Unternehmen einsetzen. |
Wusstest du, dass unser langjähriger Kursleiter Marcel Bernet und ehemaliger CH-Open Präsident fast 100% Open Source in seinen Kursen einsetzt? So kannst du das Gelernte ohne Kostenfolge in deinem Unternehmen einsetzen.